Goethe-Institut: Kunst und Liebe statt Krieg
Manchmal beginnt kultureller Austausch nicht mit großen politischen Erklärungen, sondern mit einem Bild, einem Gespräch oder einer Begegnung, die ein ganzes Leben verändert. Seit Jahrzehnten schafft das Goethe-Institut in vielen Ländern solche Räume. Orte, an denen Menschen verschiedener Kulturen miteinander arbeiten, voneinander lernen und einander näherkommen können. Dass diese Räume auch in Zeiten politischer Spannungen erhalten bleiben, ist von unschätzbarem Wert. Denn wo Kunst und Sprache Verbindungen schaffen, verlieren Vorurteile, Abgrenzung und Feindbilder zumindest für einen Moment ihre Macht.
Wie bedeutsam ein solcher Ort werden kann, zeigt die außergewöhnliche Geschichte des Künstlerpaares Alfred Banze und Christine Falk. Ausgerechnet fern ihrer deutschen Heimat führte die Kunst die beiden 2005 am Goethe-Institut in Bangkok zusammen. Dort begegneten sie sich zum ersten Mal, verliebten sich ineinander und legten, ohne es damals schon zu wissen, den Grundstein für eine gemeinsame Lebensreise, die sie bis heute künstlerisch wie persönlich miteinander verbindet.
Alfred Banze war damals bereits mit seinem Kunstprojekt „A Ghost in the Tree“ am Goethe-Institut vertreten und arbeitete im Zusammenhang mit seinen internationalen Beteiligungsprojekten mit jungen Menschen und Studierenden. Christine Falk bereitete in der Rotunda Gallery des Instituts ihre Einzelausstellung „Thailand Paintings“ vor. Zwischen Kunstwerken, Gesprächen und den Eindrücken der fremden Metropole begegneten sich zwei deutsche Künstler, die nicht ahnen konnten, dass aus diesem Zusammentreffen eine Liebesgeschichte und eine bis heute andauernde künstlerische Zusammenarbeit entstehen würden.
Fast wie in einem Film fanden sie Tausende Kilometer von Deutschland entfernt zueinander. Das Goethe-Institut wurde für sie nicht nur zu einem Ort des kulturellen Austauschs, sondern zum Ausgangspunkt ihrer gemeinsamen Zukunft. Seit dieser Begegnung reisen, leben und arbeiten sie zusammen. Sie verwirklichen internationale Kunstprojekte, bringen Menschen unterschiedlicher Herkunft miteinander in Kontakt und verbinden ihre eigenen künstlerischen Ausdrucksformen.
Wie wichtig solche kulturellen Begegnungsräume sind, wurde ausgerechnet am Tag der Kasseler Vernissage erneut schmerzlich deutlich. Am 3. September 2026 kündigte die russische Regierung die Schließung der Goethe-Institute in Russland, darunter auch des Instituts in Moskau, an. Die Entscheidung erfolgte als politische Reaktion auf deutsche Maßnahmen gegen russische Einrichtungen. Damit wird der Konflikt zwischen den Staaten nun auch auf dem Feld der Kultur ausgetragen. Der Deutsche Kulturrat bedauerte die angekündigte Schließung ausdrücklich und warnte vor weiteren Schäden für die Beziehungen zwischen Deutschland und Russland.
Gerade die Geschichte von Christine Falk und Alfred Banze zeigt, was verloren geht, wenn solche Orte geschlossen werden. Das Goethe-Institut vermittelt nicht nur die deutsche Sprache oder präsentiert deutsche Kultur. Es ermöglicht persönliche Begegnungen, gemeinsame Projekte und Beziehungen, die nationale Grenzen überwinden. Im Fall von Falk und Banze entstand daraus sogar eine Liebe, die seit mehr als zwei Jahrzehnten anhält und zahlreiche gemeinsame Kunstprojekte hervorgebracht hat.
Am Donnerstagabend kehrten beide im übertragenen Sinne gemeinsam an einen ihrer Ursprungsorte zurück. Im Kunstbalkon Kassel wurde ihre Ausstellung „Da sein“ eröffnet. Für Alfred Banze besitzt die Präsentation eine zusätzliche persönliche Bedeutung. Er wurde 1958 in Kirchbauna geboren und schloss 1987 sein Studium der Freien Kunst an der damaligen Gesamthochschule Kassel ab. Nach vielen internationalen Stationen zeigt er nun wieder Arbeiten in jener Region, in der sein eigener künstlerischer Weg begann.
Die Vernissage war von guter Laune, lebhaften Gesprächen und einem regen Austausch zwischen den Künstlern und den Gästen geprägt. Dabei wurde schnell deutlich, dass der Titel „Da sein“ weit mehr beschreibt als die bloße Anwesenheit an einem bestimmten Ort. Es geht um Wahrnehmung, Erinnerung und Begegnung. Es geht darum, sich auf Menschen und Räume einzulassen und mit allen Sinnen wirklich gegenwärtig zu sein.
Christine Falk gab den Besucherinnen und Besuchern persönliche Einblicke in die Entstehung ihrer Bilder. Auf ihren Reisen fotografiert sie architektonische Motive, Häuser, Fassaden, Fenster, Dächer und einzelne Ausschnitte gebauter Räume. Später überträgt sie diese Eindrücke in ihre Malerei. Dabei bildet sie die fotografierten Orte nicht einfach ab. Sie reduziert ihre Motive auf klare Linien, Flächen und Farbräume.
So entstehen Bilder, die zwischen Wirklichkeit und Abstraktion schweben. Man meint, eine Fassade, eine Straße oder ein bestimmtes Gebäude wiederzuerkennen, ohne den Ort tatsächlich benennen zu können. Die Architektur wird von ihrem ursprünglichen Umfeld gelöst und verwandelt sich in eine persönliche Erinnerung. Falks Arbeiten leben von klaren Strukturen und einer beinahe musikalischen Balance aus Formen, seriellen Elementen und fein aufeinander abgestimmten Farben.
Ihre Gemälde erzählen von Orten, ohne sie vollständig preiszugeben. Sie können in den Betrachtenden ein Gefühl des Wiedererkennens hervorrufen, ähnlich jener plötzlich erwachenden Erinnerung, die im Werk Marcel Prousts eine zentrale Rolle spielt. Nicht der konkrete Ort allein ist entscheidend, sondern das, was von ihm in der Erinnerung zurückbleibt.
Alfred Banze verfolgt eine andere, aber ebenso vielseitige künstlerische Position. Er arbeitet mit Zeichnung, Film, Installation, Performance und Musik und bewegt sich bewusst zwischen diesen Ausdrucksformen. Für ihn ist Kunst kein abgeschlossenes Werk, das lediglich betrachtet werden soll. Sie kann zu einer Handlung, einem Gespräch oder einer gemeinsamen Erfahrung werden. Seit vielen Jahren entwickelt er partizipative Projekte mit Kindern, Jugendlichen, Erwachsenen, Kunstschaffenden und lokalen Gemeinschaften.
Gerade in dieser Unterschiedlichkeit ergänzen sich die beiden. Christine Falk verdichtet ihre Reiseerfahrungen in ruhigen, konzentrierten Bildern. Alfred Banze bringt Bilder, Töne, Geschichten und Menschen in Bewegung. Während ihre Malerei einen Augenblick festzuhalten scheint, öffnet seine Kunst den Raum für Beteiligung und Veränderung.
2010 gründeten beide gemeinsam die Camping Akademie. Der Kunstverein verbindet internationale Kunstprojekte mit kultureller Bildung und Begegnung. Ihre Arbeit führte sie unter anderem nach Thailand, Kambodscha, Indonesien, China, Indien, Papua Neuguinea und in verschiedene Regionen des pazifischen Raumes. Dabei verstehen sie die Menschen vor Ort nicht als Motive oder bloße Zuschauer. Sie werden selbst zu Beteiligten des künstlerischen Prozesses.
Auch ihre Mitwirkung an der documenta fifteen im Jahr 2022 beruhte auf diesem Gedanken. Als Mitglieder der thailändischen Initiative Baan Noorg Collaborative Arts and Culture arbeiteten Banze und Falk an dem Projekt „Churning Milk: the Rituals of Things“ mit. Es verband Milchviehbetriebe und Gemeinschaften aus dem thailändischen Nong Pho mit Menschen und landwirtschaftlichen Betrieben aus der Region Kassel. Beide wirkten an der technischen und klanglichen Umsetzung, an der Musik sowie an Workshops mit und übernahmen die lokale Koordination in Kassel.
Auch nach der documenta setzten sie ihre internationalen Arbeiten fort. In Projekten wie „Social Plastic“, „Colors and Lines of Dumaguete“ oder „Sweet Plastik“ beschäftigten sie sich mit Gemeinschaft, Umwelt, Konsum, städtischen Räumen und den Erfahrungen der Menschen vor Ort. Aus Kunst wurde dabei immer wieder eine gemeinsame Sprache, selbst wenn die Beteiligten aus völlig unterschiedlichen kulturellen Zusammenhängen kamen.
Die Ausstellung „Da sein“ erzählt deshalb nicht nur von zwei individuellen künstlerischen Positionen. Sie erzählt zugleich von einer gemeinsamen Lebensreise, die 2005 am Goethe-Institut in Bangkok begann. Aus einer unerwarteten Begegnung wurden Liebe, Partnerschaft und eine künstlerische Zusammenarbeit, die inzwischen Menschen und Kontinente miteinander verbindet.
Während Staaten Grenzen ziehen und kulturelle Einrichtungen zum Gegenstand politischer Auseinandersetzungen machen, erinnern Christine Falk und Alfred Banze daran, wie viel entstehen kann, wenn Menschen einander begegnen dürfen. Krieg trennt, zerstört und hinterlässt Wunden. Kunst schafft Gespräche, öffnet Räume und lässt Menschen einander erkennen. Und manchmal entsteht aus einem solchen Raum sogar Liebe.
„Da sein“ ist noch bis zum 27. September 2026 im Kunstbalkon Kassel, Frankfurter Straße 62, zu sehen. Zur Kasseler Museumsnacht am Samstag, 5. September, ist die Ausstellung von 17 bis 1 Uhr geöffnet.
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