Kunstrundgang 2025 an der Kunsthochschule Kassel – Kunst zwischen Mythos, Menschlichkeit und politischem Impuls

Kunstrundgang 2025 an der Kunsthochschule Kassel – Kunst zwischen Mythos, Menschlichkeit und politischem Impuls

Vom 24. bis zum 27. Juli 2025 öffnete die Kunsthochschule Kassel ihre Türen für den jährlichen Rundgang, bei dem Studierende aller Fachrichtungen ihre aktuellen Arbeiten präsentierten. Das diesjährige Motto lautete „eXtase“ und wurde auf unterschiedlichste Weise interpretiert. Die Ausstellung verband ästhetische Experimente mit gesellschaftlichem Engagement, mythologischen Narrativen und global relevanten Themen.

Schon am Eröffnungsabend wurde deutlich, dass der Rundgang in diesem Jahr nicht nur ein Ort der Präsentation, sondern auch der Auseinandersetzung war. Eine Gruppe von Studierenden nutzte die feierliche Eröffnung, um öffentlich auf prekäre Studienbedingungen und strukturelle Missstände aufmerksam zu machen. Mit Plakaten, Sprechchören und Redebeiträgen forderten sie mehr Mitbestimmung, bessere finanzielle Rahmenbedingungen und eine nachhaltige Veränderung innerhalb der Hochschule. Ihre Aktion war nicht gegen die Ausstellung gerichtet, sondern als Teil eines umfassenderen Dialogs gedacht, in dem Kunst nicht losgelöst von Realität gedacht wird, sondern aktiv Stellung bezieht.

Innerhalb der gezeigten Arbeiten stachen besonders drei Projekte hervor, die beispielhaft für die Bandbreite und Tiefe der diesjährigen Ausstellung stehen.

In der Säulenhalle der Hochschule präsentierte das Fluidum Ensemble eine Videoarbeit mit dem Titel „Zeitfäden“. Die Installation verwob nordische Mythologie mit der Ästhetik des japanischen Butoh-Tanzes und thematisierte das zyklische Verhältnis von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Ausgangspunkt der künstlerischen Recherche waren die drei Nornen Urd, Verdandi und Skuld, die als Verkörperung der Zeit verstanden werden. Die Performerinnen Lucia Westphal, Ming Zhu und Miina Barrera Pinochet verkörperten in ihrer langsamen, rituellen Bewegung das unsichtbare Geflecht aus Schicksal, Fürsorge und kosmischer Ordnung. Die visuelle Umsetzung entstand in Zusammenarbeit mit Qianmei Ni, die auch an der Entwicklung des Konzepts beteiligt war. Die Arbeit führte das Publikum in eine kontemplative Welt, in der sich Bewegung, Klang und Raum zu einer poetischen Erzählung verdichteten.

Im Raum 0508 präsentiert die Künstlerin Yaoting Xie mit der „Sheep Series“ ein vielschichtiges Langzeitprojekt, das sich auf innovative Weise dem Motiv des Schafs widmet. Durch den Einsatz unterschiedlicher Materialien und Medien entsteht eine fortlaufende künstlerische Auseinandersetzung mit kulturellen und symbolischen Aspekten dieses Tieres.

Zwei zentrale Werke stehen exemplarisch für diesen Ansatz: eine traditionelle chinesische Nuo-Oper-Maske aus Kampferholz, die in uralten Ritualen zur spirituellen Kommunikation mit Göttern verwendet wurde, sowie eine fein gearbeitete Porzellanplatten-Malerei, die in aufwendigen Brennprozessen bei über 1000 Grad gefertigt und mit Gold veredelt wurde. Beide Arbeiten verbinden traditionelles chinesisches Handwerk mit zeitgenössischer Konzeptkunst und eröffnen einen spannenden Dialog zwischen Vergangenheit und Gegenwart.

Ein weiteres eindrucksvolles Werk zeigte die Künstlerin Hannah Belana Wenderoth. Ihre Installation bestand aus zahlreichen handgefertigten Tonschalen, die sie mit der sogenannten Daumentechnik formte. Die Schalen standen als Symbol für das elementare Bedürfnis nach Leben, für Hunger, Leere, aber auch Fürsorge und Mitgefühl. Die Künstlerin stellte ihre Arbeit in den Dienst einer konkreten Handlung. Besucherinnen und Besucher konnten eine Schale gegen eine freiwillige Spende mitnehmen. Die Einnahmen wurden an die Welthungerhilfe weitergeleitet. Auf diese Weise verband die Arbeit künstlerische Reflexion mit gesellschaftlicher Verantwortung und verwandelte den Akt des Betrachtens in eine Geste der Solidarität.

In der Ausstellungshalle der Hochschule präsentierte eine Studierendengruppe ein weiteres Projekt mit gesellschaftspolitischer Dimension. Unter dem Titel „Woher kommt das Essen“ wurde eine großes Zelt gezeigt, bestehend aus hunderten chinesischer Speisekarten. Die Künstlerin Ming Zhu war maßgeblich an der Konzeption beteiligt. Die Installation spannte sich wie ein Textilteppich durch den Raum und thematisierte globale Versorgungsketten, Konsumverhalten und kulturelle Übersetzungen. Die Verwendung der Speisekarten verwies nicht nur auf die Frage nach Nahrung und Herkunft, sondern auch auf die visuelle Kultur von Essensdarstellungen und den Einfluss von Migration auf alltägliche Wahrnehmungsmuster. Die Arbeit war zugleich ästhetisch reduziert und inhaltlich komplex.

Der Rundgang 2025 zeigte eindrucksvoll, dass die Kunsthochschule Kassel ein Ort ist, an dem künstlerische Forschung, gesellschaftlicher Diskurs und ästhetische Praxis miteinander verbunden werden. Die gezeigten Arbeiten überzeugten durch Vielfalt, Tiefe und eine spürbare Dringlichkeit, sich mit den Fragen der Zeit auseinanderzusetzen. Kunst wurde hier nicht als abgeschlossene Geste verstanden, sondern als lebendiger Prozess, der zur Auseinandersetzung einlädt und neue Räume des Denkens und Handelns öffnet.

Link:
www.kunsthochschulekassel.de

@ NHR

Yasmin Schwarze

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