Probenbeginn bei den 75. Bad Hersfelder Festspielen

Probenbeginn bei den 75. Bad Hersfelder Festspielen
 

BAD HERSFELD – Wenn aus einer Ruine ein Theater wird – und dazu noch eine altehrwürdige Stiftsruine mit einer 1.800 Quadratmeter großen Bühne für knapp acht Wochen –, dann ist das für alle Beteiligten eine enorme Herausforderung. Dennoch stehen Spielplan, Ensemble, Technik-Team, Maske, Garderobe und Soufflage der 75. Bad Hersfelder Festspiele bereit: Jetzt beginnt die Probenphase für die Stücke „Parzival“, „Lysistrata“ und „Pippi Langstrumpf“.

Bürgermeisterin Anke Hofmann erklärt:

„Das erste öffentliche Zusammentreffen zwischen den Schauspielerinnen und Schauspielern, den künstlerischen Teams und Mitarbeitenden ist für mich immer ein spannungsgeladener Moment. Hier zeigt sich, wie nach und nach alle Zahnräder ineinandergreifen. Gleichzeitig ist der Probenbeginn mit viel Vorfreude verbunden, denn ab sofort sind alle Mitwirkenden auch ein Teil unserer Stadt, in der sie sich für einige Monate zuhause fühlen dürfen. Es ist eine große Ehre für Bad Hersfeld und unsere Festspiele, dass auch dieses Jahr wieder ein so großes mediales Interesse am Probenbeginn besteht. Das ist für uns Würdigung und Ansporn zugleich.“

Für Intendantin Elke Hesse markiert der Probenstart den Auftakt zum Festspielsommer:

„Nach eineinhalb Jahren intensiver Vorbereitung freue ich mich sehr, dass wir nun endlich mit allen Gewerken, den Regisseurinnen und Regisseuren sowie den Darstellerinnen und Darstellern hier vor Ort in Bad Hersfeld beginnen können. Nun wird sich zeigen, wie die reale Umsetzung vom sogenannten Reißbrett auf die Bühne gelingt.“

Bereits lange vor der Auswahl der Schauspielerinnen und Schauspieler trafen die Intendantin sowie Oberspielleiter und Regisseur Michael Schachermaier grundlegende Entscheidungen, die den Verlauf der Produktionen prägen. Dazu gehört unter anderem die Zusammenstellung des künstlerischen Teams:

„Wer übernimmt Bühnenbild, Kostüme und Musik – und wie wollen wir mit dem besonderen Raum der Stiftsruine umgehen?“

Erste Schritte in die Rollen

Fünf Wochen vor Probenbeginn erhalten die Ensembles erstmals die Texte für „Pippi Langstrumpf“, „Parzival oder Die Suche nach dem Heiligen Gral“, „Lysistrata oder Die Fantasie von Frieden“ und „Something Rotten!“. Schnell entstehen Fragen: Muss gekürzt werden? Worauf liegt der Fokus? Wie lässt sich die Geschichte ästhetisch und inhaltlich bestmöglich auf die Bühne bringen?

Mit dem Text beginnt für die Schauspielerinnen und Schauspieler die intensive Arbeit an ihren Rollen. Dazu gehören das Lernen der Texte sowie die emotionale und inhaltliche Annäherung an die Figuren.

Regisseurin Nicole Claudia Weber verrät:

„Manche Schauspieler arbeiten beim Textlernen mit Musik und erstellen Playlists dazu, andere greifen auf literarisches, filmisches oder serienbezogenes Material zurück, um ihre Figur besser zu verstehen und zu erfassen. Jede und jeder entwickelt dabei einen eigenen Zugang.“

Auch Regisseurin Marlene Anna Schäfer setzt auf gemeinsames Arbeiten:

„Als Regisseurin ist es mir wichtig, dass eine Inszenierung durch das Miteinander aller Beteiligten entsteht. Ich starte sehr offen in den Probenprozess und gehe gemeinsam mit dem Ensemble ins Gespräch.“

Für sie sei die Arbeit in der Stiftsruine etwas ganz Besonderes. Schäfer wuchs in Homberg/Efze auf und erinnert sich noch gut an ihre Zeit als Assistentin der Festspiele vor 17 Jahren. Schon damals habe sie davon geträumt, als Regisseurin an diesen „magischen Ort“ zurückzukehren. Nun schließe sich ein Kreis.

Die Fantasie von Frieden

Autorin Amanda Lasker-Berlin beschreibt ihre Arbeit an „Lysistrata“ so:

„Als Autorin hatte ich die spannende Aufgabe, der Vorlage ein neues Gewand zu schneidern, die Figuren zum Glänzen zu bringen, ihnen Körper und Seele zu verleihen und sowohl Männer als auch Frauen fair darzustellen.“

Gerade in der heutigen Zeit falle es schwer, die Fantasie von Frieden aufrechtzuerhalten. Umso reizvoller sei es gewesen, eine Friedensutopie zu entwickeln. Im Mittelpunkt stehen dabei Fragen wie:

  • Woher nehmen diese Frauen ihren Mut?
  • Wie schaffen sie es, an ihren Plan zu glauben?
  • Wie überzeugen sie andere?

Die Antwort der Autorin:

„In meinem Stück tun sie das mit weiblicher Solidarität, Selbstironie und einer großen Portion Unbeirrbarkeit.“

Gemeinsames Entdecken auf der Bühne

Nur wenige Wochen nach der ersten Leseprobe beginnt die intensive Arbeit vor Ort in Bad Hersfeld. Figuren werden lebendig, Szenen ausprobiert und weiterentwickelt.

Michael Schachermaier beschreibt diesen Prozess:

„Wir denken gemeinsam, stellen Szenen auf die Bühne, verwerfen sie, drehen den Text um, versuchen Lösungen zu finden. Wir streiten uns, freuen uns übereinander, gehen neugierig aufeinander zu, verteidigen unsere Ideen, Rollen und Charaktere.“

Das Schönste sei dabei das gemeinsame Entdecken – die Dimension eines Stückes zu verstehen, die sich erst im Miteinander erschließt und im besten Fall überrascht.

Trotz aller Vorbereitung steht für die künstlerische Leitung eines fest:

„Die perfekte Aufführung gibt es nicht. Jede Vorstellung ist anders, jede einzigartig. Theater entsteht im Moment, ist jedes Mal neu und funktioniert nur gemeinsam mit dem Publikum. Perfektion ist nicht unser Ziel, sondern gemeinsam eine Zeit zu erleben, die nur Theater möglich machen kann.“

Info: 75. Bad Hersfelder Festspiele
Fotos: © Ulrich Wolf

Manfred Kittner

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