Zeichen, die sprechen: Was afrikanische Symbole über uns alle erzählen

Zeichen, die sprechen: Was afrikanische Symbole über uns alle erzählen

Es war ein Nachmittag, der still begann und mit einer ganz anderen Stille endete, jener kontemplativen Ruhe, die entsteht, wenn Wissen auf Resonanz trifft. Yem Yem, Soziologe, Politikwissenschaftler und holistischer Designer, lud am 9. Mai 2026 zu einem Vortrag ein, der weit mehr war als eine akademische Präsentation: Es war eine Einladung, die Welt mit anderen Augen zu sehen.

Das Thema lautete „Afrikanische Symbole: Sprache der Vergangenheit & der Zukunft“ und von der ersten Folie an war klar, dass dieser Vortrag keine trockene Wissensvermittlung werden würde, sondern ein lebendiges Gespräch zwischen Kulturen, Zeitaltern und Bedeutungsebenen.

Symbolismus als universelle Sprache

Yem Yem eröffnete seinen Vortrag mit einer provokanten These: Symbolismus ist nicht das Erbe einer einzigen Kultur, sondern die älteste und dynamischste Sprache der Menschheit. Zu Beginn erschienen bekannte Zeichen nebeneinander: das Mercedes-Stern-Logo, das Kreuz, die Adidas-Streifen, das McDonald’s-M, das WLAN-Symbol. Mitten darunter klassische Adinkra-Symbole aus Westafrika.

Die Botschaft war deutlich: Wir alle leben in einer Welt der Symbole. Ob wir in ein Café einbiegen, weil wir das goldene M erkennen, oder ob wir instinktiv innehalten, wenn uns ein bestimmtes Zeichen an die Vergänglichkeit erinnert. Visuelle Kommunikation prägt unsere Wahrnehmung auf eine Weise, die oft tiefer geht als Sprache. Symbole sind keine bloßen Dekorationen, sie sind komprimiertes Wissen.

Die Adinkra-Symbole: Weisheit in Form

Im Herzstück des Vortrags wandte sich Yem Yem den Adinkra-Symbolen zu, einem System visueller Zeichen, das aus der Kultur der Akan-Völker in Ghana und an der Elfenbeinküste stammt. Mit ruhiger Stimme und präzisen Erklärungen führte er durch eine Welt, in der jedes Zeichen eine Geschichte trägt.

Das Wort Adinkra bedeutet im Akan-Dialekt in etwa „Abschied nehmen“ oder „jemanden kennenlernen“ und bezeichnet ursprünglich bedruckte Stoffe, die bei Trauer- und Übergangsritualen getragen wurden. Doch die Bedeutung dieser Symbole reicht weit über den rituellen Kontext hinaus. Jedes Zeichen kodiert eine philosophische Aussage: Gye Nyame, „außer Gott“, steht für die Allmacht des Göttlichen; Sankofa, der Vogel, der beim Vorwärtsfliegen nach hinten blickt, mahnt dazu, aus der Vergangenheit zu lernen, ohne dabei den Weg nach vorn zu vergessen.

Yem Yem betonte, dass diese Symbole keine musealen Relikte seien. Sie tauchten heute in der Kunst, im Design, in der Mode und in der politischen Ikonografie diasporischer Gemeinschaften weltweit auf, als Zeichen von Kontinuität, Zugehörigkeit und Widerstand.

Das Kongo-Gewand: Symbol als kosmisches System

Besonders eindringlich wurde der Vortrag, als Yem Yem ein aufwändig besetztes Gewand mit Kongo-Symbolik zeigte und minutiös Schicht für Schicht seiner Bedeutung entfaltete. Das Kleidungsstück, so erläuterte er, sei keine bloße Textilie, sondern ein codiertes Dokument, das die Geschichte von zwölf Familien des Kongo-Königreichs in sich trägt.

Der fünfzackige Stern in der Mitte des Gewandes repräsentierte den Menschen, Muntu auf Kongo. Die zwölf Dreiecke rund um den Stern symbolisierten die Zeit, wie die Zeiger einer Uhr. Die kleinen Punkte ringsum dienten als Verweis auf die Ngi-Mokili, die spirituellen Bibliotheken der akaschischen Überlieferung. Die vier Kardinalrichtungen öffneten sich als Tore zur Konservierung von Energie; drei Wellenlinien, lang, mittel und kurz, standen für die Wahrnehmung des Sichtbaren und des Unsichtbaren.

Was auf den ersten Blick wie ornamentale Verzierung wirkte, entpuppte sich als ein ausgeklügeltes metaphysisches System, eine in Stoff gewebte Kosmologie, die Mathematik, Spiritualität und soziale Ordnung miteinander verband. Der Raum war still geworden.

Ein lebendiges Archiv der Menschheit

Ein lebendiges Archiv der Menschheit

Den Abschluss bildete eine Projektion, die die Vielzahl der Adinkra-Zeichen in ihrer Gesamtheit zeigte, ein Panorama visueller Weisheit, das noch einmal vor Augen führte, worum es an diesem Nachmittag gegangen war: Adinkra-Symbole sind kein dekoratives Beiwerk, sondern ein lebendiges Archiv afrikanischer Geschichte, Spiritualität und Weltsicht. Über Generationen hinweg haben sie Werte wie Einheit, Mut, Freiheit, Verantwortung und Respekt weitergegeben, nicht als Text, sondern als Form.

Fazit: Eine Sprache, die alle verstehen

Der Vortrag von Yem Yem war ein seltenes Ereignis: lehrreich ohne belehrend zu wirken, tiefgründig ohne unzugänglich zu sein. Er webte Soziologie, Designtheorie, Geschichte und Spiritualität zu einem Ganzen zusammen, das sowohl akademisch Interessierte als auch Menschen ohne Vorkenntnisse ansprach.

Was alle Zuhörenden mitnahmen, war die Erkenntnis, dass afrikanische Symbole kein Nischenthema sind, sondern Teil einer universalen visuellen Grammatik, die die Menschheit seit Jahrtausenden schreibt und liest. Wer an diesem Nachmittag teilgenommen hatte, blickte danach auf ein WLAN-Symbol, ein Markenlogo oder ein altes Adinkra-Zeichen mit demselben neu geschärften Blick: Hinter jedem Symbol steckt eine Welt.

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