Wenn Sprache ausgezeichnet wird, wird auch um sie gestritten

Wenn Sprache ausgezeichnet wird, wird auch um sie gestritten

Harald Martenstein erhielt in Kassel den Deutschen Sprachpreis 2026 – ein Abend über Wortkunst, Freiheit und die Frage, wie politisch eine angeblich unpolitische Preisverleihung sein darf.

Im Kasseler Rathaus wurde am Freitagabend Harald Martenstein mit dem Deutschen Sprachpreis 2026 ausgezeichnet. Es war eine würdige Veranstaltung, musikalisch und organisatorisch sorgfältig gerahmt, getragen von einer Stiftung, die seit Jahrzehnten die Pflege, Erforschung und den kreativen Gebrauch der deutschen Sprache ehrt. Doch gerade dieser Abend zeigte: Wer heute über Sprache spricht, kommt an gesellschaftlichen Konflikten kaum vorbei.

Der Vertreter der Henning-Kaufmann-Stiftung machte zu Beginn deutlich, worum es bei diesem Preis geht – und worum nicht. Der Deutsche Sprachpreis sei kein Literaturpreis und auch kein politischer Preis. Ausgezeichnet würden sprachliche Verdienste: Verständlichkeit, Genauigkeit, öffentlicher Gebrauch, kreative Kraft. Damit war der Rahmen eigentlich klar gesetzt. Martenstein wurde nicht für eine Parteiposition geehrt, sondern für sein Handwerk: die Kolumne, die Pointe, den klaren Satz, die Fähigkeit, Gedanken so zu formulieren, dass sie beim Leser hängen bleiben.

Gerade darin liegt Martensteins Stärke. Er schreibt nicht im Ton akademischer Selbstvergewisserung und nicht im Nebel einer Sprache, die sich vor jedem möglichen Missverständnis absichert. Seine Texte setzen auf Verstand, Widerspruch und Humor. Man muss Martenstein nicht immer zustimmen, um anzuerkennen, dass er Sprache beherrscht. Seine Kolumnen leben von Irritation, vom überraschenden Dreh, vom Mut zur Zuspitzung. In einer Zeit, in der viele öffentliche Texte klingen, als seien sie vor allem durch juristische, moralische und kommunikative Filter gelaufen, ist das eine bemerkenswerte Qualität.

Bundestagspräsidentin Julia Klöckner würdigte genau diese Seite des Preisträgers. Ihre Laudatio war freundlich, stellenweise humorvoll, aber im Kern sachlich: Martenstein sei ein Autor, der seinen Lesern zutraue, mitzudenken. Sie zeichnete ihn nicht als jemanden, dem man folgen müsse, sondern als jemanden, dem man zuhören könne, auch wenn man anderer Meinung ist. Damit traf sie einen wichtigen Punkt. Demokratie lebt nicht davon, dass alle denselben Satz sagen. Sie lebt davon, dass man fremde Sätze aushält.

Martenstein selbst führte diesen Gedanken in seiner Dankesrede weiter. Bemerkenswert war, dass er nicht mit Polemik begann, sondern mit Heimat. Er sprach über Dialekt, Mainzisch, Hochdeutsch, Vater- und Muttersprache. Sprache erschien bei ihm zuerst als etwas Persönliches, fast Intimes: als Teil der eigenen Geschichte, der Herkunft, der Erinnerung. Erst aus dieser Perspektive entwickelte er seine Kritik an sprachlichen Vorgaben.

Seine Grundthese war klar: Sprache gehört allen – und zugleich jedem Einzelnen. Sie verändert sich, aber sie sollte nicht von Behörden, Institutionen, Verlagen oder Milieus verordnet werden. Beim Thema Gendern unterschied Martenstein zwischen freiwilligem Sprachgebrauch und faktischem Anpassungsdruck. Wer gendern möchte, soll es tun dürfen. Wer es nicht möchte, sollte es ebenfalls nicht müssen. Das ist keine Randbemerkung, sondern der Kern seines Freiheitsverständnisses.

Gerade deshalb greift es zu kurz, Martenstein vorschnell in eine parteipolitische Ecke zu stellen. Wer gegen eine Brandmauer-Rhetorik, gegen Ausgrenzung oder gegen das Durchsetzen eigener Milieu-Regeln als angeblich allgemein gültige Kultur argumentiert, ist nicht automatisch Fürsprecher einer bestimmten Partei. Martenstein spricht in solchen Fragen vor allem gegen Überheblichkeit im öffentlichen Diskurs und für eine Demokratie, die Widerspruch nicht nur duldet, wenn er aus dem eigenen Lager kommt.

Kritisch zu betrachten bleibt dagegen der Beitrag des Kasseler Oberbürgermeisters. Natürlich durfte und sollte ein Oberbürgermeister den Ort würdigen. Der Kasseler Stadtverordnetensaal ist ein Raum politischer Rede, demokratischer Auseinandersetzung und historischer Erinnerung. Der Hinweis auf Sprache als verbindende Kraft war angemessen. Auch der Gedanke, dass Sprache missbraucht werden kann, gehört grundsätzlich zu einer ernsthaften Rede über Sprache.

Doch die starke historische Aufladung durch Hinweise auf NS-Hetze, menschenverachtende Sprache und die Formel, Sprache könne töten, war an diesem Abend nicht ohne Risiko. Bei einer Preisverleihung für einen Autor, der öffentlich immer wieder missverstanden, verkürzt oder bewusst falsch einsortiert wird, entsteht dadurch ein Subtext. Der Oberbürgermeister sagte nicht, Martenstein stehe in dieser Tradition. Aber der Rahmen konnte so verstanden werden, als müsse vor einem gefährlichen Sprachgebrauch gewarnt werden – ausgerechnet an einem Abend, an dem ein Sprachkünstler geehrt wurde.

Das war rhetorisch heikel. Zumal die Stiftung zuvor ausdrücklich betont hatte, dass es sich nicht um einen politischen Preis handelt. Wenn dann der kommunale Gastgeber den Abend stark politisch-historisch grundiert, verschiebt sich die Tonlage. Man kann das als kluge Einordnung lesen. Man kann es aber auch als unnötige Belehrung empfinden. Gerade bei einem Preisträger wie Martenstein wäre mehr Zurückhaltung des Gastgebers vielleicht die souveränere Geste gewesen.

Trotzdem war der Abend gelungen. Vielleicht gerade, weil er die Spannung nicht versteckte. Die Veranstaltung zeigte, wie schwer es geworden ist, Sprache unpolitisch zu ehren. Ein Sprachpreis ist heute nicht nur eine Auszeichnung für schöne Sätze. Er berührt Fragen von Freiheit, Zugehörigkeit, Macht, Moral und öffentlichem Mut.

Harald Martenstein erschien an diesem Abend als verdienter Preisträger: ein Autor, der die deutsche Sprache nicht verwaltet, sondern benutzt; der sie nicht poliert, bis sie harmlos wird, sondern sie arbeiten lässt. Klöckner lieferte dazu eine Laudatio, die den Preisträger verständlich und fair einordnete. Der Oberbürgermeister setzte einen lokalen und historischen Rahmen, der anregend, aber auch kritisch zu befragen ist.

Am Ende bleibt ein starker Kasseler Abend. Nicht, weil alle Töne harmonisch waren. Sondern weil sichtbar wurde, worum es bei Sprache wirklich geht: um das Recht, eigene Worte zu finden – und um die Pflicht, die Worte anderer auszuhalten.

Text und Fotos © Normann Günther

Gastautor

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