Kultur braucht Haltung: Helmut Plate, Jan Hendrik Neumann und Ignatz Wilka im Gespräch
Am Morgen der Kasseler Museumsnacht wurde die Markthalle für einige Zeit zum Schauplatz eines ungewöhnlichen Kulturgesprächs. Helmut Plate, Jan Hendrik Neumann und Ignatz Wilka trafen dort zu einem gemeinsamen Interview zusammen und sorgten bereits während der Aufzeichnung für sichtbare Aufmerksamkeit unter den Marktbesucherinnen und Marktbesuchern.
Die Idee dazu war erst am Abend zuvor entstanden. Bei der Eröffnung der Ausstellung „… Die Sehnsucht stirbt zuletzt …“ des Schweizer Künstlers Urs Lüthi im Kunsttempel begegneten wir den drei Persönlichkeiten der Kasseler Kunst und Kulturszene und kamen mit ihnen über Kunst, kulturelle Verantwortung und die Entwicklung Kassels als Kulturstadt ins Gespräch.
Aus dem spontanen Austausch wurde innerhalb weniger Stunden ein verabredetes Interview, das am nächsten Morgen in der Markthalle fortgesetzt wurde. Die Wahl des Ortes erwies sich dabei als besonders passend, denn zwischen Marktständen, Gesprächen, Einkauf und alltäglichem Stadtleben entwickelte sich ein öffentlicher Raum, in dem Kultur nicht abgeschirmt, sondern mitten in der Gesellschaft stattfand.
Schon kurz nach Beginn blieben immer wieder Menschen stehen, hörten zu und beobachteten die Aufzeichnung. Aus einem klassischen Interview entwickelte sich schnell ein ebenso konzentriertes wie lebendiges Gespräch, das zwischen kulturhistorischen Erinnerungen, persönlichen Erfahrungen, pointierten Einschätzungen und philosophischen Gedanken wechselte. Es wurde ernsthaft diskutiert und zugleich viel gelacht.
Gerade diese Mischung machte deutlich, wie unterschiedlich Helmut Plate, Jan Hendrik Neumann und Ignatz Wilka auf Kassels kulturelle Entwicklung blicken und wie viel Erfahrung in ihren jeweiligen Biografien zusammenkommt. Gleichzeitig wurde schnell klar, dass die angesprochenen Themen an einem Vormittag kaum vollständig zu erfassen sind. Weitere Gespräche und Folgeinterviews sind deshalb bereits angedacht.
Drei Persönlichkeiten, drei Perspektiven auf Kassels Kultur
Helmut Plate gehört zu jenen Persönlichkeiten, die Kassels Kunstgeschichte nicht nur miterlebt, sondern über Jahrzehnte hinweg publizistisch, gestalterisch und kulturpolitisch begleitet haben. Der 1957 in Bremen geborene Plate studierte Visuelle Kommunikation an der damaligen Hochschule für Bildende Künste in Kassel. Bei der documenta 7 im Jahr 1982 arbeitete er als Assistent des künstlerischen Leiters Rudi Fuchs und war zugleich unmittelbar im Umfeld von Joseph Beuys’ legendärem Projekt „7000 Eichen“ tätig.
Damit besitzt Plate einen direkten biografischen Bezug zu einer Epoche, die das internationale Bild Kassels als Kunststadt entscheidend geprägt hat. Später widmete er sich verstärkt publizistischen Projekten, Büchern und Kulturmagazinen und beschäftigte sich immer wieder mit der documenta, Joseph Beuys und der kulturellen Identität Kassels.
Doch Plates Blick richtet sich keineswegs ausschließlich zurück.
Mit der digitalen Kulturplattform „Welt.Kunst.Kassel.“, die er gemeinsam mit Heiko Musiatowski herausgibt, verfolgt er das Ziel, die außergewöhnliche Dichte der Kasseler Kunst und Kulturlandschaft sichtbar zu machen. Museen, Galerien, Ausstellungen, Künstlerinnen und Künstler, documenta Geschichte und aktuelle kulturelle Entwicklungen werden dort in einen gemeinsamen Zusammenhang gestellt.
Gerade mit Blick auf die bevorstehende documenta 16, die vom 12. Juni bis 19. September 2027 erneut ein internationales Publikum nach Kassel bringen wird, sieht Plate darin eine besondere Chance. Die Plattform soll stärker genutzt werden, um Kassels kulturelle Vielfalt über die Grenzen der Stadt hinaus sichtbar zu machen und die internationale Aufmerksamkeit, die mit der documenta verbunden ist, auch für die übrige Kunst und Kulturlandschaft Kassels zu nutzen.
Dahinter steht eine grundsätzliche Haltung. Für Plate ist die Bezeichnung Kassels als documenta Stadt weit mehr als ein touristischer Zusatz. Sie gehört für ihn zur kulturellen Identität der Stadt und zu ihrem international stärksten Alleinstellungsmerkmal. Entsprechend engagiert vertritt er die Position, dass Kassel gerade im Vorfeld der documenta 16 selbstbewusst mit dieser Geschichte und diesem kulturellen Erbe umgehen sollte.
Plate steht damit exemplarisch für eine Form kulturellen Engagements, die Vergangenheit nicht museal konserviert, sondern aus ihr Perspektiven für Gegenwart und Zukunft entwickelt.
Jan Hendrik Neumann wiederum steht für die publizistische und feuilletonistische Begleitung der Kasseler Kulturlandschaft. Als langjähriger Autor und Kulturjournalist beschäftigt er sich seit vielen Jahren mit Künstlerinnen und Künstlern, Ausstellungen, Film, Literatur, documenta und gesellschaftlichen Entwicklungen innerhalb der Kulturszene.
Seine Texte zeigen dabei eine besondere Stärke: Kunst wird nicht losgelöst von ihrer Umgebung betrachtet, sondern in historische, gesellschaftliche und politische Zusammenhänge eingeordnet. Damit übernimmt Neumann eine Aufgabe, die für jede lebendige Kulturlandschaft von großer Bedeutung ist, denn Kunst braucht nicht nur Menschen, die sie schaffen. Sie braucht ebenso Menschen, die sie beschreiben, hinterfragen, einordnen und Erinnerung bewahren.
Gerade diese publizistische Perspektive verlieh unserem Gespräch immer wieder eine besondere Tiefe. Wo persönliche Erinnerungen auftauchten, folgten Fragen nach ihrer historischen Bedeutung, und wo aktuelle Entwicklungen zur Sprache kamen, wurde schnell deutlich, dass Kultur niemals unabhängig von gesellschaftlichen Veränderungen betrachtet werden kann.
Ignatz Wilka bringt noch einmal eine vollkommen andere Perspektive in dieses Trio ein. Der Künstler, Autor, Regisseur, Performer und Schauspieler wurde bereits 1992 mit dem Kulturpreis der Stadt Kassel ausgezeichnet. Seine Arbeit bewegt sich seit Jahrzehnten zwischen bildender Kunst, Theater, Literatur, Performance und kulturhistorischer Vermittlung.
Wilka versteht Kunst dabei nicht ausschließlich als ästhetische Form, sondern als Möglichkeit, Geschichte, Mythologie, Gesellschaft und menschliche Wahrnehmung miteinander in Beziehung zu setzen. Noch im Frühjahr dieses Jahres führte er beispielsweise unter dem philosophischen Begriff Arkadien durch den Bergpark Wilhelmshöhe und verband dabei antike Mythologie, Landschaftsgestaltung, Architektur und theatrale Interpretation.
Sein Zugang zur Kultur besitzt etwas Spielerisches und zugleich zutiefst Reflektiertes. Historische Zusammenhänge werden bei ihm nicht lediglich erklärt, sondern inszeniert, befragt und in die Gegenwart übertragen.
Damit saßen in der Kasseler Markthalle drei Menschen miteinander, deren kulturelle Biografien kaum unterschiedlicher sein könnten und die dennoch eine wesentliche Gemeinsamkeit verbindet: die Überzeugung, dass Kultur nicht am Rand einer Gesellschaft stattfindet, sondern wesentlicher Bestandteil ihrer Identität ist.
Frisch gepresster Saft für ein langes Kulturgespräch
Für die passende Erfrischung während unseres Interviews sorgte der Saft King in der Kasseler Markthalle, der die Getränke für unsere Gesprächsrunde zur Verfügung stellte.
Seit mehr als 13 Jahren gehört der Stand zur Markthalle und ist inzwischen für viele Besucherinnen und Besucher zu einer festen Adresse geworden. Säfte und Smoothies werden unmittelbar vor den Augen der Kundschaft frisch zubereitet, wobei je nach Saison immer wieder neue Kombinationen entstehen.
Dass Saft King unser Interview unterstützte, war dabei weit mehr als eine freundliche Geste. Es passte wunderbar zu diesem besonderen Vormittag, an dem Marktleben, Kulturgespräch und spontane Begegnungen miteinander verschmolzen.
Zwischen frisch gepressten Säften, neugierigen Blicken der Marktbesucher und einem Gespräch über mehrere Jahrzehnte Kasseler Kulturgeschichte zeigte sich ganz nebenbei, was die Markthalle seit Langem auszeichnet. Sie ist nicht nur ein Ort des Handels, sondern ein sozialer Raum, in dem Menschen unterschiedlichster Lebenswelten zusammenkommen.
60 Jahre Kasseler Markthalle
Dass unser Gespräch ausgerechnet hier stattfand, bekommt in diesem Jahr eine zusätzliche Bedeutung. Die Kasseler Markthalle feiert 2026 ihr 60 jähriges Bestehen und blickt damit auf sechs Jahrzehnte Marktleben, Begegnung und städtische Alltagskultur zurück.
Am 26. September 2026 ab 19 Uhr wird dieses Jubiläum mit dem großen Markthallenfest gefeiert. Die Markthalle verwandelt sich an diesem Abend auf mehreren Etagen in eine außergewöhnliche Festlocation mit Live Musik, DJ, geöffneten Marktständen sowie zahlreichen kulinarischen Angeboten. Rund 2.500 Gäste werden erwartet, ein Teil der Einnahmen soll einem wohltätigen Zweck zugutekommen.
Damit wird an diesem Abend genau das gefeiert, wofür die Markthalle seit Jahrzehnten steht: Begegnung, Vielfalt und ein Stück gelebte Kasseler Stadtkultur.
Vielleicht liegt gerade darin die besondere Verbindung zu unserem Interview.
Eine Stadt lebt kulturell nicht allein von ihren großen Institutionen, Museen und international bekannten Veranstaltungen. Sie lebt ebenso von Menschen, die über Jahrzehnte hinweg Ideen entwickeln, Debatten führen, Öffentlichkeit herstellen, Kultur vermitteln und bereit sind, Haltung zu zeigen.
Helmut Plate, Jan Hendrik Neumann und Ignatz Wilka tun dies auf ganz unterschiedliche Weise. Plate verbindet unmittelbare documenta Geschichte mit dem Anspruch, Kassels kulturelles Profil auch im digitalen Zeitalter international sichtbar zu machen. Neumann begleitet Kunst und Gesellschaft mit dem analytischen Blick des Kulturjournalisten und Chronisten. Wilka verbindet Kunst, Theater, Geschichte und Philosophie zu einer ganz eigenen Form kultureller Vermittlung.
Vielleicht war deshalb gerade die Kasseler Markthalle der richtige Ort für dieses Gespräch.
Mitten im Leben einer Stadt, zwischen Stimmen, Begegnungen und Bewegung, wurde über die Vergangenheit gesprochen, die Gegenwart diskutiert und bereits ein Blick auf die Zukunft geworfen.
Spätestens mit der documenta 16 im kommenden Jahr wird Kassel erneut für einige Monate im Zentrum der internationalen Kunstwelt stehen. Wie die Stadt diese Aufmerksamkeit nutzt und welche Rolle dabei jene Menschen spielen, die ihre kulturelle Entwicklung seit Jahrzehnten begleiten, wird noch viele Gespräche wert sein.
Unser erstes gemeinsames Interview mit Helmut Plate, Jan Hendrik Neumann und Ignatz Wilka war deshalb mit Sicherheit nur der Anfang.
©NHR