Licht, das bewegt: „GENESIS“ entfaltet in Kassels Karlskirche ein universelles Welttheater

Licht, das bewegt: „GENESIS“ entfaltet in Kassels Karlskirche ein universelles Welttheater
Kollektiv Projektil

Von gestern auf heute verwandelte sich die Karlskirche in Kassel in ein anderes Universum. Bei der Premiere von „GENESIS“ ließ das Kollektiv Projektil den sakralen Raum nicht einfach erstrahlen. Er wurde zum pulsierenden Organ einer Erzählung über Anfang und Sein.

Es ist ein seltsames Gefühl, wenn Stein zu atmen beginnt. Doch genau das geschah gestern Abend, als die Lichter in der Karlskirche erloschen und für wenige Sekunden absolute Dunkelheit herrschte. Was dann folgte, war weniger eine Lichtshow als vielmehr eine Entrückung. „GENESIS“, die neue immersive Inszenierung des international gefeierten Kollektivs Projektil aus Zürich, feierte Premiere in Kassel und überwältigte von der ersten Sekunde an.

Die Karlskirche, bis dato vor allem als architektonisches Zeugnis barocker Baukunst bekannt, mutierte unter den Händen der Lichtkünstler zu einem lebendigen Körper. Mithilfe hochpräzisen Projection Mappings, das jedes Gesims, jeden Bogen und jede Deckenfuge bis in den letzten Winkel erfasste, lösten sich die starren Mauern förmlich auf. Wände schienen zu fließen, Säulen begannen zu atmen und der Raum selbst wurde zum Protagonisten einer visuellen Symphonie, die weder Konzert noch klassische Ausstellung sein will, sondern reine, unvermittelte Erfahrung.

Die Bildgewalt ist dabei nicht Selbstzweck. „GENESIS“ erzählt ohne Worte vom Ursprung allen Seins, vom ersten Licht, das die Finsternis durchbricht, über die Entstehung von Zeit und Natur bis hin zum Zufall des Lebens selbst. Es ist eine Erzählung, die nicht erklärt, sondern fühlt. Die Besucher, die mitten im Geschehen stehen, werden nicht zu distanzierten Betrachtern, sondern zu Teilnehmern einer uralten Geburt. In Momenten atemberaubender Intensität, wenn Lichtbahnen durch das Kirchenschiff schießen und die elektronisch orchestrale Klangkomposition die Brustkörbe vibrieren lässt, entsteht ein Gefühl elementarer Rührung, das an die eigene Existenz rührt.

Was die Inszenierung jedoch wirklich auszeichnet, ist ihre Fähigkeit, zwischen Euphorie und Kontemplation zu oszillieren. Nach Szenen überwältigender Dynamik folgen Momente stiller Schwermütigkeit, in denen sanfte Lichtwogen über die barocken Ornamente gleiten und Raum für Reflexion lassen. Hier zeigt sich der intellektuelle Anspruch hinter der technischen Brillanz. „GENESIS“ will nicht nur beeindrucken, sondern zum Nachdenken anregen, über unsere Rolle in einem ständig werdenden Kosmos. Es ist dieses Spannungsfeld zwischen Sinnlichkeit und Philosophie, das die gestrige Premiere zu einem kollektiven Erlebnis werden ließ, bei dem nicht selten Tränen zu sehen waren, Zeugen einer Berührung, die jenseits von Sprache und kulturellem Hintergrund wirkt.

Bis zum 12. April 2026 bleibt die Karlskirche dieser besondere Bühnenraum. Wer die Gelegenheit ergreifen möchte, selbst in diesen lebendig gewordenen Raum einzutauchen, sollte früh buchen. Die Tickets für die limitierten Aufführungen sind über Eventim erhältlich. Wer gestern nicht dabei war, hat noch immer die Chance. Doch die Erinnerung an diesen ersten Abend, an dem Licht Geschichte schrieb, wird wohl denen vorbehalten bleiben, die dabei waren, als in Kassel eine neue Welt erschaffen wurde.

NHR

WordPress Cookie Hinweis von Real Cookie Banner